{"id":237,"date":"2010-12-17T21:27:12","date_gmt":"2010-12-17T19:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/?p=237"},"modified":"2014-12-06T20:08:54","modified_gmt":"2014-12-06T18:08:54","slug":"liebe-frau-raimann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/?p=237","title":{"rendered":"Liebe Frau Raimann &#8211; ein langer letzter Brief"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/frau-raimann-und-ulli-e1292615964249.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-247\" style=\"margin: 5px;\" title=\"frau raimann \" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/frau-raimann-und-ulli-e1292615964249-150x150.jpg\" width=\"135\" height=\"135\" \/><\/a>Liebe Frau Raimann<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich brauche Ihren Namen nicht zu ver\u00e4ndern, um Ihre Anonymit\u00e4t zu wahren. Anonymit\u00e4t spielt keine Rolle mehr f\u00fcr Sie, und es gibt auch keine Angeh\u00f6rigen, die sich irritiert zeigen k\u00f6nnten, dass ich Ihnen derart \u00f6ffentlich schreibe. Sie waren das letzte Kind Ihrer Familie.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was will ich Ihnen sagen? Dass es mir leid tut, dass unsere Freundschaft zu Ende gegangen ist. War es \u00fcberhaupt Freundschaft, oder soll ich eher von Bekanntschaft sprechen? 6 Jahre lang habe ich Sie fast jeden Dienstag zwischen 4 und 6\u00a0Uhr \u00a0besucht. Wenn kein Feiertag\u00a0 oder ich nicht auf Urlaub war, haben wir uns jede Woche in zuverl\u00e4ssiger Regelm\u00e4ssigkeit f\u00fcr 2 Stunden gesehen. Nicht einmal\u00a0meine besten Freundinnen treffe ich sooft. 6 Jahre lang. 6 Jahre sind eine lange Zeit.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich kann mich noch gut erinnern, als Aina uns einander vorstellte. Aina brachte mich zu Ihnen in Ihr Appartment in den 6. Stock und da sass ich dann\u00a0 Ihnen visavis an ihrem Tisch.\u00a0\u00a0Ich sah eine \u00e4ltere Dame, etwas rundlich mit weissem gut frisiertem Haar,\u00a0\u00a0h\u00f6flich und zur\u00fcckhaltend, distanziert und mit guten Marnieren. H\u00f6flich und distanziert war ich auch gerne bei neuen Bekanntschaften, und Sie gefielen mir. Die Bilder in meinem Kopf zeigten uns weiterhin derart an Ihrer gebl\u00fcmten Tischdecke sitzen, freundlich und interessiert plaudernd. Auch sie akzeptierten mich nach dem ersten Besuch, und so begann unsere Zeit des Kennenlernens.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sie waren gut zu Fu\u00df, und Sie waren im 5. Bezirk aufgewachsen. Wir sassen nicht oft an Ihrem Tisch in dieser Zeit, sondern waren sehr viel unterwegs. Einkaufen, am Margartenplatz Eis essen, Rezepte in der Apotheke einl\u00f6sen, auf der Bank \u00dcberweisungen aufgeben, zur Post Briefe aufgeben&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kam ich zu sp\u00e4t, warteten Sie schon und verbargen Ihre Ungeduld meisterlich. Sprach ich von meiner stressvollen Arbeit, sagten Sie: &#8222;Ach ja, Stress haben heute alle.&#8220;\u00a0 und damit waren meine Klagen vom Tisch gewischt. \u00a0&#8222;Es ist wichtig, Arbeit zu haben&#8220; war eine\u00a0Ihrer Lieblingsaussagen. Dass die Arbeit auch noch gefallen sollte, hielten Sie f\u00fcr Anma\u00dfung. War ich bei Ihnen, verga\u00df ich die M\u00fchen des Berufsalltags meist sehr schnell, und daf\u00fcr danke ich Ihnen noch heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So gingen wir Dienstag nachmittags ineinander eingeh\u00e4ngt durch die Stra\u00dfen, und ich weiss noch, wie gut es mir gefiel, dass wir so langsam waren unter all den hektischen Passanten. Und wir erwarteten R\u00fccksicht: Lieber Autofahrer, jetzt musst du etwas l\u00e4nger warten, wir sind nicht mehr ganz so schnell. Das funktionierte \u00fcberraschend gut, sodass wir uns kaum emp\u00f6ren mu\u00dften. Die meisten Menschen nahmen geduldig R\u00fccksicht, und wir fingen auch \u00f6fter freundliche Blicke auf, wie wir da &#8211; gemeinsam jung und alt &#8211; die verschiedenen Gassen des Bezirks gem\u00fctlich bewanderten. Sie zeigten mir die alte Kirche und\u00a0das Kloster, indem die Nonnen f\u00fcr Jahrzehnte in v\u00f6lliger Zur\u00fcckgezogenheit gelebt hatten &#8211; jetzt gab es nur noch wenige von ihnen, sehr alt und gebrechlich, aber immer noch aktiv. Sie selbst waren immer zur Kirche gegangen, aber in letzter Zeit war Ihnen der Weg in die Sch\u00f6nbrunnerstra\u00dfe zu beschwerlich geworden und so h\u00f6rten Sie die Sonntagsmesse nur noch\u00a0im Radio.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sie zeigten mir, wo Sie in der Gr\u00fcngasse gewohnt hatten bis Sie sich nach einem Spitalsaufenthalt entschlossen hatten, ins Pensionistenheim zu \u00fcbersiedeln. Wie Sie so vieles zur\u00fccklassen mussten und wie schwierig es war, sich auf das N\u00f6tigste zu reduzieren. Kein K\u00fcchengeschirr mehr, nur noch ganz wenige B\u00fccher, ein Minimum an Bettw\u00e4sche und Kleidung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie lange hatten Sie in dieser Wohnung gewohnt? 50 Jahre? Sie wurden 1922 geboren und wuchsen im 3. Bezirk am Donaukanal auf. Sie waren ein Einzelkind und wurden von Ihren Eltern nach Strich und Faden verw\u00f6hnt. In der bitteren Zwischenkriegszeit, als der Vater die Familie nur von Gelegenheitsjobs ern\u00e4hrte und die Mutter putzen gehen mu\u00dfte, brachte er Ihnen &#8211; seiner Prinzessin &#8211; Bananen mit nach Hause. Sie sprachen sehr liebevoll von Ihrem Vater, der viel zu fr\u00fch, an den Folgen einer Lungenkrankheit gestorben war. Er selbst und auch Ihre Mutter waren unter grossen Entbehrungen im alten Wien aufgewachsen. Beide entstammten kinderreichen, relativ wohlhabenden Familien mit bitterstrengen V\u00e4tern, die den Reichtum verloren oder durchgebracht hatten und den Kindern nichts hinterlassen hatten. Wie sch\u00f6n, dass sie selbst ihre einzige Tochter so voller Liebe gro\u00dfgezogen haben!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass ich Ihr Leben so erz\u00e4hlen kann, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Sie hielten sich eher bedeckt mit pers\u00f6nlichen Erz\u00e4hlungen. Das Puzzle setzte sich erst nach und nach im Laufe der Jahre zusammen. Vieles werde ich nicht mehr erfahren. Sie haben in der Gr\u00fcngasse mit Ihrer Mutter zusammengelebt. Sie waren immer berufst\u00e4tig gewesen, und kurz bevor\u00a0Sie in Pension gingen, starb Ihre Mutter. Ausgerechnet jetzt, wo Sie mehr Zeit f\u00fcr Sie gehabt h\u00e4tten! Ihre Mutter war sehr oft krank gewesen und war im Alter auch fast taub. Ein Grund f\u00fcr Sie, keinen Fernseher anzuschaffen. Ihre Mutter h\u00e4tte ohnehin nichts verstanden. Ihre Mutter lebte sehr zur\u00fcckgezogen und Sie\u00a0mit ihr. Sie gingen tags\u00fcber Ihrer Arbeit nach und abends wartete die Mutter daheim. Was Sie beide die ganze Zeit gemacht h\u00e4tten? Nun, den Haushalt gef\u00fchrt und gegessen, in guten Zeiten Spazierg\u00e4nge, Patiencen gelegt, gelesen, nichts Besonderes. Ein ruhiges Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die ersten Jahre\u00a0Ihrer\u00a0Pension m\u00fcssen auch\u00a0anders gewesen sein. Sie waren viel auf Reisen mit der Gruppe Ihrer Pfarre, und kamen viel herum. In Ihrer knappen Art erw\u00e4hnten Sie\u00a0Reisen nach Israel und auf die Kanarischen Inseln, von Frankreich und von Deutschland, das Sie mit Flugzeug und Bus bereist hatten. Sch\u00f6n war es, und Sie h\u00e4tten alle Sehensw\u00fcrdigkeiten gesehen. Mehr g\u00e4be es nicht davon zu erz\u00e4hlen. Einmal im Jahr machten Sie einigen Freundinnen Urlaub in Gansbach, einer kleinen Pension, wo die Wirtsleute die \u00e4lteren G\u00e4ste aufnahmen wie zur Familie zugeh\u00f6rig. Aber dort g\u00e4be es viele Stiegen und Treppen, f\u00fcr gebrechliche Menschen leider kein Urlaubsort mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00d6fter erw\u00e4hnten Sie den Umstand, dass Sie nun schon l\u00e4nger in Pension w\u00e4ren, als berufst\u00e4tig gewesen. Nie h\u00e4tten Sie gedacht, so alt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ob Sie nie einen Partner hatten, fragte ich Sie. Nein war die Antwort. Ob Sie nie verliebt gewesen w\u00e4ren? Auch das verneinten Sie. Aber geglaubt habe ich das nicht. Vielleicht gab es Dinge in Ihrem Leben, \u00fcber die Sie nicht sprechen wollten. Vielleicht haben Sie Frauen geliebt, was in Ihrer Jugend unm\u00f6glich war. Vielleicht haben Kriegserlebnisse Sie derart beeinflu\u00dft, sodass keine Liebe mehr f\u00fcr Sie m\u00f6glich wurde. Vielleicht aber waren Sie einfach durch die pflichtbewu\u00dfte\u00a0Betreuung Ihrer Mutter nicht an einer Partnerschaft interessiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Trotzdem Sie keine eigene Familie gr\u00fcndeten, waren Sie Expertin f\u00fcr geschlechtsspzezifische Arbeitsteilung. Das hat uns \u00f6fter zu ziemlich kontroversen Diskussionen gef\u00fchrt. Ob mein Mann sich denn nicht vernachl\u00e4ssigt\u00a0f\u00fchle, wenn ich 3 Wochen auf Seminar f\u00fchre. Wer ihm denn in dieser Zeit koche? Ob er nicht einsam sei? Sie waren sehr um meinen Partner besorgt und sehr streng mit den Frauen, die Kinder und Ehemann nicht an\u00a0erste Stelle in ihrem Leben setzten. Das waren die Ansichten Ihrer Generation, und ich haben Ihnen da die neuen Sichtweisen meiner Generation pr\u00e4sentiert. Sie haben sie schliesslich gutm\u00fctig akzeptiert. Doch Familie war ein grosser Wert f\u00fcr Sie, auch die meine. \u00a0Zum Abschied gab es jeweils &#8222;sch\u00f6ne Gr\u00fcsse an den Gatten&#8220;, und ich nahm das Spiel auf mit der Vermittlung von Gegengr\u00fc\u00dfen, wenn wir einander wiedersahen. Sie und Gerhard waren sehr lebhafte Gr\u00fc\u00dfeschicker und ich freue mich, dass Sie Gerhard bei einem einzigen aber sehr netten Besuch auch einmal\u00a0pers\u00f6nlich kennenlernen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">wird nicht mehr fortgesetzt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Frau Raimann Ich brauche Ihren Namen nicht zu ver\u00e4ndern, um Ihre Anonymit\u00e4t zu wahren. 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