{"id":3579,"date":"2018-10-27T12:54:00","date_gmt":"2018-10-27T10:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/?p=3579"},"modified":"2018-11-03T22:19:15","modified_gmt":"2018-11-03T21:19:15","slug":"es-ist-nicht-lange-her-eine-museumsempfehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/?p=3579","title":{"rendered":"Es ist nicht lange her&#8230; Eine Museumsempfehlung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"Abb13.jpg \" src=\"http:\/\/www.poella.at\/grafiken\/Abb13.jpg\" width=\"252\" height=\"179\" \/> Gestern waren Gerhard und ich im &#8222;<strong>ersten \u00f6sterreichischen Museum f\u00fcr Alltagsgeschichte<\/strong>&#8220; in Neup\u00f6lla im Waldviertel. Es existiert schon seit 1997 und schon oft haben wir uns vorgenommen, hinzufahren. Wie gut, dass wir es gestern geschafft haben, unseren Vorsatz umzusetzen.<\/p>\n<p>Gestern, am letzten \u00d6ffnungstag in diesem Jahr waren wir also dort.\u00a0 Ich bin noch immer schwer beeindruckt. Wir waren zwei Stunden auf einer Reise in die Vergangenheit. Nicht in irgendeine abstrakte fremde unpers\u00f6nliche Vergangenheit, sondern in <em>unsere eigene<\/em>&#8230;<\/p>\n<p>So haben unsere Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Ururgrosseltern&#8230; gelebt. Da kommen wir her. Diese Erfahrungen sitzen in unseren Zellen, wir tragen sie in unseren Genen, sie spielen weiter unbewusste Rollen in unserem Denken und Empfinden. Das sind unsere Wurzeln. &#8211; Da erkl\u00e4rt sich einiges \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Und es ist nicht lange her&#8230; Die Exponate und Berichte in den ersten R\u00e4umen liessen mich pers\u00f6nlich noch unber\u00fchrt. Mit sachlichem Interesse sah ich die Bilder der damaligen Pfarrer und Herrschaften, las ich die Dokumente zur Grundherrschaft, zu Robot und Gerichtsbarkeit.. Ich wusste gar nicht, dass man sich damals gar nicht frei bewegen durfte ohne Erlaubnis der Grundherrn. So brauchten etwa Handwerksgesellen eigens ausgestellte Wanderp\u00e4sse.<br \/>\nDie religi\u00f6sen Schriften f\u00fcr den Alltagsgebrauch machten mich schon schaudern. Auf diese Art hat die katholische Kirche sich wieder durchgesetzt nach der Reformation. Menschen protestantischen Glaubens &#8211; und das waren im Waldviertel\u00a0 nicht wenige &#8211; mussten &#8222;sich bekehren&#8220; oder das Land verlassen.<\/p>\n<h3>Das ist noch alles weit weg und hat nichts mit mir zu tun, obwohl..<!--more--><\/h3>\n<p>..was haben meine Vorfahren damals gemacht? Haben sie sich f\u00fcr eine Reform der Kirche interessiert, sich daf\u00fcr gar begeistert? Hatten ihre Br\u00fcder oder Schwestern den Mut, f\u00fcr ihren Glauben geradezustehen und sich nicht unterkriegen zu lassen?\u00a0 Hat es die Familie gespalten? Wie w\u00fcrde unser Land aussehen, w\u00e4re die Gegenreformation &#8211; in dem es in Wahrheit um politische Macht ging &#8211; damals anders ausgegangen? &#8230; Im weiteren Gang durch die Geschichte dann die politischen Umw\u00e4lzungen durch Josef, II., den ich gerne kennengelernt h\u00e4tte. Ob er wirklich so eine politische &#8222;Lichtgestalt&#8220; war, wie ich sie in ihm sehe? Was kann ich glauben? Wer hat die Geschichte \u00fcber ihn verfasst?<\/p>\n<p>Schritt f\u00fcr Schritt geht es durch die Ausstellung und &#8222;wird es w\u00e4rmer&#8220;, das heisst vertrauter&#8230; Gegenst\u00e4nde tauchen auf, die wir in unserem alten Bauernhaus gefunden haben, als wir es vor 25 Jahren kauften. Die Gerhard, ein Waldviertler Bauernsohn, noch als kleiner Bub in Verwendung sah. Die sein Grossvater, 101 j\u00e4hrig gestorben, noch selbst zusammengezimmert hat.. Der Grad der Selbstversorgung auf einem Bauernhof war wirklich erstaunlich.<\/p>\n<h3>Diese Zeit ohne Strom, ohne Erd\u00f6l, ohne Plastik, ohne Chemie.. sie ist in Wahrheit nicht lange her.<\/h3>\n<p>Was mussten die Menschen da<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" alt=\"Museum f\u00fcr Alltagsgeschichte\" src=\"http:\/\/www.poella.at\/grafiken\/startseite_bild-frau.jpg\" width=\"188\" height=\"276\" \/>mals arbeiten, um ihren Alltag zu organisieren! In der K\u00fcche, auf dem Feld, in der Werkstatt&#8230; Diese S\u00e4tze von der m\u00fchsamen Arbeit haben wir oft geh\u00f6rt, das sagt sich so leicht dahin, aber hier nimmt dieses Leben Gestalt an, hier wird es lebendig. Hier kannst du die K\u00e4lte des alten Bauernhauses sp\u00fcren, die Beschwerlichkeit des Lebens be-greifen in den Gegenst\u00e4nden aus dieser Zeit. Hier siehst du die Bilder der Menschen, gezeichnet von der vielen Arbeit, hier liest du die Geschichte der Familie mit 11 Kindern, von denen nicht viele erwachsen wurden. &#8211; S\u00e4uglingssterblichkeit und Kinderkrankheiten liessen damals keine Familie verschont.<\/p>\n<p>Und dessen nicht genug, galt es die politischen Ereignisse der letzten Jahrhunderte zu durchleben besser zu \u00fcberleben. Kriege, Gewalt, Unterdr\u00fcckung, Ungleichheit ..<br \/>\nDaf\u00fcr bin ich den AusstellungsgestalterInnen unendlich dankbar.. Dass nicht, wie in meiner Schulzeit, ein schwarzes Loch zwischen 1934 und 1955 klafft, sondern auch diese dunkle Zeit anschaulich dokumentiert wird. Die Wurzeln des Antisemitismus waren schon von Seiten der Kirche gut vorbereitet worden. Die Propaganda der Nazis brauchte nur darauf aufzubauen. Ich wusste nicht, das schon auf dem Wahlausweis zur Volksabstimmung am 10.4.1938 der folgende Passus stand: &#8222;<em>Wer das Stimmrecht aus\u00fcbt, trotzdem er vom Stimmrecht ausgeschlossen oder Jude ist oder ihm bekannt ist, dass er von mindestens drei vollj\u00fcdischen Grosseltern abstammt oder aber als Mischling (mindestens zwei j\u00fcdische Grosseltern) mit einer j\u00fcdischen Person verheiratet ist, hat diesen Wahlausweis sofort an das Gemeindeamt zur\u00fcckzusenden und hat von der Wahl fernzubleiben. Andernsfalls setzt er sich schwerer Bestrafung aus<\/em>.&#8220;<\/p>\n<h4>Die &#8222;Nachtseite der Heimatgeschichte&#8220;<\/h4>\n<p>Vermutlich haben meine Grosseltern damals f\u00fcr den Anschluss gestimmt. Bei den Familientreffen wurde nie dar\u00fcber gesprochen. Der eine Grossvater ist im Krieg geblieben. Die anderen haben das Thema ausgelassen, wie die ganze gute \u00f6sterreichische Gesellschaft. Auf diesem Boden stehen wir jetzt. Wen wunderts, dass wir so wenig aus der Geschichte gelernt haben?<br \/>\nSo tut es gut, zu sehen, wie es wirklich war. Die Propagandaschriften, die den Menschen die gl\u00fcckliche Zukunft versprochen haben, die Hauptpl\u00e4tze, mit Hackenkreuzfahnen geschm\u00fcckt, die Soldaten, die Flucht der Besiegten, die Waffen, die russischen Besatzer&#8230; Nein, die &#8222;Nachtseite der Heimatgeschichte&#8220; wird in diesem Museum nicht ausgelassen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.waldviertel-bilder.at\/Rubriken\/Alte_Heimat\/Sperrgebiet.jpg\" width=\"197\" height=\"147\" border=\"0\" \/><em>Kleines Detail am Rande&#8230;<\/em> Gerhard und ich sind vor unserem Museumsbesuch beim nahen Schloss Waldreichs wandern gewesen und dabei an dem verfallenen Dorf Strones vorbeigekommen, das wegen der Einrichtung des Truppen\u00fcbungsplatzes Allentsteig ab 1938 von den Bewohnern verlassen werden musste. In diesen Mauern, so erfuhren wir im Museum, hat Adolf Hitlers Grossmutter gelebt und war sein Vater geboren worden. Der Vater Alois war unehelich geboren und hatte als Kind noch Schicklgruber geheissen. Wegen einer Erbschaft liess Alois Schicklgruber als fast 40 J\u00e4hriger seinen Namen nach seinem Vater &#8222;Hiedler&#8220;\u00a0 auf Hitler ver\u00e4ndern. Ein Name, der sich in die Weltgeschichte eingebrannt hat.<\/p>\n<h4>Schau es dir selbst an<\/h4>\n<p>Ich k\u00f6nnte noch vieles dazu schreiben, was mir durch den Kopf geht, welche Bilder geblieben sind, welche Zusammenh\u00e4nge gewachsen sind, aber vielmehr m\u00f6chte ich dir empfehlen, dich auf deine eigene Reise zu machen&#8230; Daf\u00fcr ist dieses Musum ein idealer Ort.<\/p>\n<p>Das<strong> erste \u00f6sterreichischen Museum f\u00fcr Alltagsgeschichte<\/strong> hat wieder ab 1.Mai 2019, jeden Sonn- und Feiertag nachmittags ge\u00f6ffnet. Bis dahin kannst du dich auf seiner Website (der auch die ersten beiden Bilder f\u00fcr diesen Beitrag entnommern wurden) umsehen: <a href=\"https:\/\/www.poella.at\/museum\" target=\"_blank\">www.poella.at\/museum<\/a> <strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mich ganz herzlich bei allen, die diesen Ort geschaffen haben und betreuen, bedanken. Ihr k\u00f6nnt wirklich stolz darauf sein!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>PS: Nach dem Schreiben des Beitrags haben wir uns die im Museum erstandene und wirklich gut gemachte DVD angesehen:<br \/>\n<strong>J\u00dcDISCHE FAMILIEN IM WALDVIERTEL UND IHR SCHICKSAL<\/strong> mit Dokumentarfilmen und Interviews zur gleichnamigen diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/www.poella.at\/system\/web\/zusatzseite.aspx?menuonr=220208093&amp;detailonr=220207087\" target=\"_blank\">Sonderausstellung <\/a>(die Ende September beendet wurde, aber ab Mai 2019 wieder gezeigt wird).<\/p>\n<p>Wie du dir vorstellen kannst, keine leichte Kost. Viele schreckliche, traurige und ersch\u00fctternde Geschichten. Ich habe mich mit dieser Zeit schon intensiv befasst (u.a. mit <a href=\"http:\/\/www.ravensbrueckerinnen.at\/\" target=\"_blank\">www.ravensbrueckerinnen.at<\/a>), aber es ist nochmals anders, wenn du die Orte kennst, wo die Geschichten passiert sind: Eggenburg, Horn, Gm\u00fcnd, Neup\u00f6lla..<br \/>\nIch kann es immer wieder nicht glauben.. Dass Unrecht so zu Recht werden kann, dass Menschen anderen Menschen solche Dinge antun und so verblendet sein k\u00f6nnen und sich auch so abwenden k\u00f6nnen vom Leiden anderer.<br \/>\nJa, unser Geist birgt alles in sich, Himmel und Abgr\u00fcnde&#8230; Darum ist es auch so wichtig, sich um geistige Klarheit und inneren Frieden &#8211; als Voraussetzung f\u00fcr \u00e4usseren Frieden &#8211; zu bem\u00fchen. Dann sind wir weniger anf\u00e4llig f\u00fcr mediale Gehirnw\u00e4sche und einfache L\u00f6sungen und verlieren nicht unser nat\u00fcrliches Mitgef\u00fchl.<br \/>\nSo antwortete auch eine der interviewten ZeitzeugInnen auf die Frage, was denn die j\u00fcngere Generation machen k\u00f6nne angesichts des vergangenen Schreckens: sich um den Frieden bem\u00fchen. Und wir k\u00f6nnen den Opfern eine Stimme geben, die Dinge benennen und die Wahrheit sichtbar machen. Das ist mit dieser DVD sehr gut gelungen. Danke daf\u00fcr!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern waren Gerhard und ich im &#8222;ersten \u00f6sterreichischen Museum f\u00fcr Alltagsgeschichte&#8220; in Neup\u00f6lla im Waldviertel. Es existiert schon seit 1997 und schon oft haben wir uns vorgenommen, hinzufahren. Wie gut, dass wir es gestern geschafft haben, unseren Vorsatz umzusetzen. 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