{"id":722,"date":"2011-08-16T13:55:52","date_gmt":"2011-08-16T11:55:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/?p=722"},"modified":"2012-02-16T16:49:16","modified_gmt":"2012-02-16T14:49:16","slug":"was-ist-das-ein-retreat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/?p=722","title":{"rendered":"Was ist das &#8211; ein Retreat?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/foto-018.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-723\" title=\"transformation\" src=\"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/foto-018-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/foto-018-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/foto-018-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.schule-der-wertschaetzung.at\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/foto-018.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Langsam ist es an der Zeit, sich zu outen. Die ersten Jahre habe ich gar nicht dar\u00fcber gesprochen. Langsam beginne ich, davon zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend andere Menschen jedes Jahr auf\u00a0 Urlaub ans Meer oder in die Berge fahren, mache ich etwas ganz Absonderliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich fahre auf Retreat. Was ist das denn? Wenn ich sage, das ist ein Meditations- oder Schweigeseminar, dann ist das Erstaunen schon mal gross. Was, du redest dort nicht? Kein Wort? Eine Woche lang? 10 Tage? 3 Wochen? Keinen Satz? Beim Essen und in den Pausen auch nicht?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch eigenlich geht es gar nicht um das Nicht-Reden. Es geht mehr um ein Reize-Fasten generell. Die Aussenwelt auf ein Minimum zur\u00fcckdrehen. Du hast einen fixen Tagesplan, du bekommst p\u00fcnktlich gutes Essen, du h\u00f6rst nicht viel, ausser t\u00e4glich einen Vortrag oder eine Meditationsanleitung. Du siehst kein Fernsehen, liest keine Zeitung, du gehst bloss mal mittags oder abends eine Runde in den Wald. Kein Verkehr, keine Menschenansammlungen, keine Stadt, kein Wirbel, kein Trubel. Einfach so. Nur du und eine Gruppe Gleichgesinnter. Wie eben jetzt im Juli 10 Tage lang\u00a0\u00a0eine Gruppe von rund 30 Frauen, alle so sonderbar wie ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wir lassen uns um 5 Uhr wecken (wir machen das alle freiwillig und ohne Zwang&#8230;- und manchmal lasse ich mich auch l\u00e4nger schlafen), und setzen uns um 5:30 zum ersten Mal auf eine Stunde zur Sitzmediation in einen sch\u00f6nen Raum mit Gew\u00f6lbe und schummrigem Licht. Du setzt dich auf ein Kissen oder einen Sessel, schlingst eine warme Decke um dich herum und versinkst in dein Inneres. Du machst dein Anfangsritual: Durch den K\u00f6rper gehen, ein paar liebevolle S\u00e4tze, um den Geist freundlich zu stimmen und dann mit der Aufmerksamkeit zum Atem gehen. Es dauert nicht lang und du bist in Gedanken, Gef\u00fchle\u00a0oder Empfindungen verwickelt. Das kennst du schon, und\u00a0es \u00fcberrascht dich nicht mehr. \u00a0Du bemerkst es, machst dir ein paar innerliche Anmerkungen dazu (Gedanken an Zukunft, Schmerz im Knie, Ger\u00e4usch&#8230;) und kehrst zum Atem zur\u00fcck. Du m\u00f6chtest deinen Atem kennenlernen, von Anfang bis zum Schluss, von Atemzug zu Atemzug. Wird die Ablenkung, die eigentlich die Normalit\u00e4t ist, st\u00e4rker als ertr\u00e4glich, so versuchst du, sie kennenzulernen. Am einfachsten geht das, indem du den Empfindungen folgst: Wie sp\u00fcrt sich das an, wie ist die Reaktion, wo im K\u00f6rper und was genau spielt sich ab&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Du bist dabei, Achtsamkeit zu trainieren, wie einen Muskel. Das braucht in erster Linie \u00dcbung und Geduld.\u00a0Und anfangs auch Frustrationstoleranz. Denn mit der ber\u00fchmten Selbstkontrolle ist es nicht weit her, mit unserem Kontrollwunsch allerdings schon. Manchmal gehst du auch ins Drama, ist das Erleben st\u00e4rker als die Beobachterin. Aber danach wachst du wieder auf in den Prozess. Es ver\u00e4ndert sich alles, st\u00e4ndig. Das kannst du hier gut beobachten in dieser Laborsituation &#8211;\u00a0mit dir selbst als Versuchsperson.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach einer Stunde stehst du auf und gehst hinaus in den Morgen auf 45 Minuten Gehmeditation. Du suchst dir eine Strecke von 10 bis 15 Metern und stellst dich hin. Du fasst den Beschluss, diesen kurzen Weg hin und herzugehen und dabei nur auf die Fuss-Sohlen zu achten. Du schaust dir zu, wie der Impuls im Geist entsteht und wie du daraufhin den ersten Schritt machst, und dann den n\u00e4chsten: Heben, Schweben, Senken&#8230; Wie f\u00fchlt sich das genau an? Freilich sind auch hier die Ablenkungen die Norm, und so lernst du dich auch bei dieser \u00dcbung n\u00e4her kennen. So ein unruhiger Geist, immer diese Gedanken! Kann ich denn keine Sekunde lang bei der Beobachtung bleiben? So ist es am Anfang. Sp\u00e4ter schaust du dir dann zu, wie du gewohnheitsm\u00e4ssig auf dieses Denken reagierst, mit \u00c4rger, Ablehnung und Widerstand auf Ungewolltes. Mit Freude, Habenwollen und Weiterhabenwollen auf ein gutes &#8222;Ergebnis&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00dcberhaupt die Ergebnisfixierung. Alles so m\u00fchsam hier, warum tust du dir das an?? Was bringt das eigentlich? W\u00e4re es nicht viel sch\u00f6ner am Meer oder in den Bergen??<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Tagesplan geht weiter mit weiteren 45 Minuten Sitzen, mit Fr\u00fchst\u00fcck (Essen beim Essen &#8211; wie hebt sich der L\u00f6ffel zum Mund, bist du noch da beim Ende des Bissens?), mit einer Stunde achtsamem \u00a0Badputzen oder Gem\u00fcseSchnipseln, mit Sitzen, Gehen, Sitzen..\u00a0Einer Stunde\u00a0Vortrag \u00fcber\u00a0das, was du den ganzen Tag\u00a0an dir beobachtest,\u00a0z.B. welche Blockaden im Geist auftauchen,\u00a0die das Ruhig sein verhindern und wie du am besten damit umgehst, mit\u00a0Ablehnung,\u00a0HabenWollen, Unruhe, Tr\u00e4gheit und destruktivem Zweifel&#8230; Du bekommst wertvolle Information und Anst\u00f6sse. Die Lehrerin &#8211; du hast lange gesucht, sie zu finden &#8211; ist so lustig und weise und selbst so ein gutes Vorbild. Wie souver\u00e4n sie mit allem\u00a0umgeht! Wie gelassen sie auf Schwierigkeiten reagiert! Wie weise sie von sich erz\u00e4hlt und auch\u00a0ihre Schatten\u00a0nicht verschweigt!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach dem Mittagessen falle ich die ersten Tage ins Bett und schlafe wie ein Stein. Ich bin das fr\u00fche Aufstehen nicht gew\u00f6hnt. Danach gehts weiter mit\u00a0Gehen, Sitzen, Gehen, Sitzen bis\u00a0zum fr\u00fchen Abendessen um 18:00. Da laufe ich dann meistens in den Wald und merke, wie sich langsam die Wahrnehmung sch\u00e4rft. Wie klar ich die Bilder sehe, wie gut alles\u00a0riecht,\u00a0oder aber \u00a0ich beobachte weiter, wie ich in Gedanken verloren gehe, wie ich Erinnerungen nachh\u00e4nge oder\u00a0mich von nie eintretenden Szenarien\u00a0\u00a0\u00e4ngstigen lasse. Bemerke ich \u00fcberhaupt, wo ich bin? Bin ich \u00fcberhaupt auf dieser Lichtung, oder hunderte Kilometer entfernt?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Danach gibts noch die Abendeinheit bis 21:00 &#8211; Gehen, Sitzen, Gehen und das Beantworten von Fragen, die eine tags\u00fcber auf einen Zettel schreiben kann. Die Lehrerin geht auf alle Fragen, so seltsam sie auch sind, genau ein und du bekommst einen Eindruck davon, was die anderen Frauen interessiert. Sicher hast du trotz nicht-Sprechens viel Kontakt. Da ein Blick, dort eine Geste, da eine Freude, da ein \u00c4rger. Keine Angst, die Projektionen lassen dich nicht im Ungewissen, mit wem du es hier zu tun hast. Das allein ist eine Studie Wert: Wie wir uns Meinungen bilden von unseren Mitmenschen. Peinlich mitunter, wenn eine sich nach ein paar Tagen der Praxis beim Denken zuh\u00f6ren kann. Echt peinlich. Gleichzeitig die Einsicht, wie wir Realit\u00e4t konstruieren. Du warst dir so sicher, dass diese eine Frau Schauspielerin ist und wusstest genau, wie sie tickt! Als du am Abschluss des Seminars mit ihr sprichst, l\u00f6st sich dein ganzes sicheres Wissen in ein paar Minuten in Seifenblasen auf. Nichts davon ist wahr. Alles reine Konstruktion.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gut tun da die abendlichen Metta-\u00dcbungen, in denen du deinen Geist mit bestimmten Formeln freundlich stimmst. Du w\u00fcnscht dir selbst das Beste, und dehnst diese W\u00fcnsche aus auf FreundInnen, neutrale Personen und im fortgeschrittenen Stadium auf ungeliebte Mitmenschen.. Auch das bestes Beobachtungsmaterial, wie unser Geist funktioniert. Meinem Liebsten w\u00fcnsche ich von Herzen alles Gute, aber dem verr\u00fcckten Arbeitskollegen? Sicher nicht!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So lernst du dich selber kennen. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Mitunter auf Umwegen, mitunter mit erstaunlichen Geistesblitzen und viel Freude und Ruhe. Und da wir \u00e4hnlicher sind als verschieden, lernst du mit der Zeit so ganz nebenbei auch, wie\u00a0deine \u00a0Mitmenschen funktionieren. Warum sie manchmal so biestig schauen und sich in etwas hineinsteigern. Du hast es bei dir selbst schon beobachtet, weisst, wie Wut dich zu einem anderen Menschen macht, wie Recht-haben-wollen den Tunnelblick erzeugt, wie bestimmte (?) Konzepte Leiden verursachen. So ticken wir eben. Wir wollen nur Angenehmes. Unangenehmes wollen wir auf keinen Fall. Unsere Egozentrik dabei ist unglaublich, die Realit\u00e4tsverengung auch. Mit einem nicht erforschten Geist bist du diesen konditionierten Reaktionen hilflos ausgeliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach den 10 Tagen bist du vielleicht durch alle H\u00f6hen und Tiefen gegangen, obwohl es im Aussen ganz unspektakul\u00e4r ausgesehen hat und sich nichts Besonderes ereignet hat. Du bist sehr empfindsam geworden und hast in deiner Wahrnehmungsf\u00e4higkeit ungeahnte Tiefensch\u00e4rfe entwickelt. Du kannst das Jetzt und Hier in einem neuen Ausma\u00df erleben und wirst \u00f6fter mal so echt wach in die Wirklichkeit hinein. Du bist gelassener und vor allem achtsam. Dieses Leben kann sich wirklich verdammt gut ansp\u00fcren im direkten Kontakt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Keine Sorge, diese hohe Achtsamkeit verliert sich im Alltag schnell wieder. Wenn du nicht weiter trainierst, bist du bald wieder im alten Fahrwasser. Mit dem Unterschied, dass du den Geschmack kennst&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zudem ist es eine Reise, bei der du vermutlich nie ankommst. Und wenn du glaubst, du bist dem Gipfel nahe, bist du schon wieder unten im Tal und der n\u00e4chste Gipfel scheint unerreichbar. Die Reise ist, was z\u00e4hlt.\u00a0Da, wo du gerade bist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jede der rund 30 Frauen wird ihre Geschichte vermutlich anders erz\u00e4hlen, also nimm das nicht als\u00a0Norm, sondern mehr als Variante des M\u00f6glichen. Vielfalt statt Einfachheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich finde nichts Spannender als diese Selbsterforschung und betreibe sie nun seit fast 9 Jahren. Diese Innenschau hat mein Leben ver\u00e4ndert und gibt mir Orientierung wie nichts andere. Es gibt sicher viele Wege, sich zurechtzufinden. Keine Frage. Und ich w\u00fcrde auch gern wieder mal ans Meer fahren oder in die Berge..<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie w\u00e4re es eigentlich mit einem\u00a0Retreat\u00a0am Meer?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam ist es an der Zeit, sich zu outen. Die ersten Jahre habe ich gar nicht dar\u00fcber gesprochen. Langsam beginne ich, davon zu erz\u00e4hlen. 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