Nach der Schreibwerkstatt eine Geschichte vom Leben geschrieben

Die liebe Ilse von der ARGE Region Kultur hat Freitag und Samstag in Langenlois eine Schreibwerkstatt organisiert, und ich ging hin. Nora Aschacher und Dieter Berdel hoben uns bei diesem Seminar mit ihren vielfältigen SchreibAufgaben und netten Anleitungen in kreative Höhen. Eine sehr feine Sache. Rundum.

Nach Ende des Kurses, der im wunderbaren Mühlenhof in Langenlois stattfand, führte ich noch ein sehr schönes Gespräch mit Sonja, der Frau des Hauses. Dann erst fuhr ich Richtung daheim.

Danach

Das Gespräch hat mich die richtige Zeitlang aufgehalten, damit ich am Tettenhengst – einer kleinen „Bergstrasse“ nahe Stiefern – nach einer scharfen Kurve in dunkler Nacht das Auto mit Warnblinkanlage stehen sehe, mit Schrittgeschwindigkeit vorbeifahre und im Rückspiegel hinter dem Auto das Reh liegen sehe, das sich noch bewegt. Aber keinen Menschen. Der sitzt vermutlich noch voller Schock im Auto und kennt sich nicht aus.

Was tun? Stehenbleiben, weiterfahren?
Ich mag nach Hause zu einem gemütlichen Abend. Was willst du bei einem verletzten Reh? Fahr schon, fahr weiter, sagt eine Stimme in mir.
Doch die Entschlossene ist schon aktiv, biegt in den nächsten Feldweg ein, hält, stellt den Motor ab, dreht das Licht aus und handelt. Diesen Teil mag ich. Er ist mutig, so ganz ohne Zweifel und diskutiert nicht mehr.

Ich stecke das Telefon ein und steige aus. Finstere Nacht und zum blinkenden Auto doch 100 Meter zu Fuss. Was wird mich erwarten? Blut und Leid, Panik und Drama? Da höre ich die Stimme eines jungen Mannes in der Dunkelheit. Also kein geschockter erstarrter Mensch. Das ist gut.

Und als ich näher komme, siehe da! – ist das Reh ein Hund, ein gelber, der, als er mich sieht, aufsteht und mir entgegenläuft. Aber nein, ich bin es nicht, auf die er gewartet hat. Schwer läßt er sich wieder zu Boden fallen. Ich rede ihn an, streichle ihn, er zittert. Ein einziges Zittern dieser Hund. Was ist da los?

Eine Stunde später weiss ich alles, zumindest das, was es zu wissen gibt. Eine Stunde später, wo ich es bin, die zittert, vom Warten in der nächtlichen Kälte.
David, so heisst der junge Mann, hatte den Hund ruhig am Strassenrand sitzen sehen, sei erst weitergefahren, habe aber später doch noch umgedreht und sei zurückgekommen. Kurz beim Aussteigen die Unsicherheit, ob der Hund auch friedlich sei und dann die Entspanung. Der Hund ist freundlich, auf den ersten Blick unverletzt, aber körperlich am Ende. Er zittert und zittert und kann kaum ein paar Schritte gehen. So ein armes Tier, was es wohl mitgemacht hat? Wir sind am Rande eines grossen Waldgebiets. Er wird den ganzen Tag herumgeirrt sein, seine Füsse und sein Bauch sind verkrustet von schwarzem Schlamm, manchmal hustet er.

David hat schon bei der Polizei angerufen. Der Notruf verweist auf die lokale Station, und die ist nicht zuständig. Er solle den Hund ins Tierheim bringen, in die 20km entfernte Stadt, aus der David gerade gekommen ist, müde nach einem langen Tag Arbeit. Guter Rat. Aber David ist auch entschlossen, dem Tier zu helfen und ruft seine in der Gegend lebenden Bekannten an – ob sie wüssten, wer den gepflegten grossen Hund ohne Halsband vermissen könnte.

Doch niemand weiss etwas. David stellt sein Auto hinter das meine, weg von der kurvigen Strasse. Die Autos seien langsam vorbeigefahren, einige Fahrer hätten gefragt, ob sie helfen können, andere nicht. Viel Verkehr ist hier ohnehin nicht. So ein Glück, denn der Hund ist anfangs nur schwer von der Strasse wegzubringen. Aber dann schließlich läuft er doch mit zu den Autos. Mir fallen Karin und Dieter ein, die ich anrufen kann. Freunde, die Hunde lieben und die Gegend gut kennen. Das sind die Richtigen.
Karin nimmt es in die Hand, sofort. Keine Sekunde des Zögerns. Sie kennt die Frau vom Tierheim und wird mit ihr gemeinsam Erkundigungen einholen, wem der Hund fehlen könnte.  Sie wird in fünf Minuten zurückrufen. Mittlerweile hat auch schon jemand aus Davids Familie versucht, beim Tierheim anzurufen. Dort hebt aber niemand ab.

David fährt in den nächsten Ort, um Passanten zu fragen, ob denn ein Hund vermisst würde. Eine Zeitlang bin ich mit dem Hund allein. Er, ich und der glitzernde Sternenhimmel. Der Hund zittert, ich streichle und tröste. Käuzchen rufen, ferne Autogeräusche, Getrappel von unbekannten Füssen im Wald. Wie schön es hier ist. Wie oft wir hier mit dem Auto gedankenlos vorbeisausen.
Als David von seiner Erkundung zurückkehrt, zittert der Hund nicht mehr. Er legt sich hin, liegt zwischen David und mir am Boden, ergeben sich ergebend und fühlt sich – vielleicht – geborgen.

David und ich führen Small Talk, sondieren das Gebiet, finden gemeinsame Bekannte, teilen gemeinsames Wissen. Dann der Anruf. Kein Hund fehlt. Aber Dieter wird kommen und den Hund holen. Wie fein, die Rettung naht. Es ist kalt, der Himmel ist hoch, und da sind vier Menschen um einen Hund besorgt, um ein Wesen in Not.

Als Dieter da ist und den Hund begutachtet, wird er zur Hündin, Golden Retriever, ca. drei bis vier Jahre alt und sicher noch nicht lange von seinen Besitzern getrennt, so gut genährt und so schön ist sein Fell. Seltsam nur, warum sie kein Halsband trägt. Ich wüsste so gern ihren Namen.
Neuerdings werden Hunde gechipt – wusstest du das mit dem Chip unter der Hundehaut? – und falls er registriert ist, lässt sich seine Herkunft bald herausfinden. Hoffentlich hat ihn niemand ausgesetzt. Das überlegen wir immer wieder.

Dieter legt der Hündin eine Leine an. Sie läßt alles mit sich geschehen, macht aber keine Anstalten aufzustehen. Dieter und David müssen das erschöpfte, schwere Tier ins Auto heben. Anders geht es nicht. Ich rede ihr noch ein paar liebevolle Töne zu – jetzt wird alles wieder gut, du hast es geschafft.

Dieter, der selbst ganz verkühlt nur kurz von seinem Krankenbett aufgestanden ist, fährt ab, zu Karin, der „Hundeflüsterin“. In bessere Hände konnte die Hündin gar nicht kommen. Die beiden haben eine Hundepension, und die verlorene Hündin darf die nächste Nacht bei ihnen bleiben. Am nächsten Morgen wird man weitersehen. Entweder die Besitzer melden sich, oder es geht ins Tierheim.

David und ich verabschieden uns, wir blieben im Kontakt. So eine Hunderettung verbindet irgendwie, und so eine Hundegeschichte braucht eine Auflösung.

Ich steige ins Auto und nehme wieder Kurs auf daheim. Die Müdigkeit von vorhin ist wie weggeblasen, das Durchgefrorensein kein Problem.
Es tut so gut, das Richtige zu tun.  Es tut so gut, zu helfen, Hilfe zu bekommen, einem Wesen in Not beizustehen. Ich weiss einmal mehr: Dafür sind wir gemacht.
Würde es sich sonst so richtig anspüren? So Richtig durch und durch.

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Epilog

Diese Geschichte hab ich gestern nach dem Heimkommen noch aufgeschrieben. Schließlich war ich nachmittags bei einer Schreibwerkstatt, das verpflichtet,  und literarisch lässt sich Erfahrenes sehr gut aufarbeiten. Schriftlichkeit klärt.

Morgens wurde ich wach und dachte darüber nach, wie es wohl wäre, einen Hund zu haben…. Was die zwei Enten Paul und Silva  in ihrem Paradies hier bei uns davon halten würden, und Gerhard mein Liebster, der keine Hundehaare in der Wohnung mag…
Doch dann läutet das Telefon. Dieter mit Neuigkeiten. Sehr guten Neuigkeiten.

Die Hündin, NALA ist ihr Name, sei eben abgeholt worden. Die beiden Besitzer wären überglücklich gewesen und Nala sicher noch mehr. Sie sei gestern von zu Hause weggelaufen, was sie sonst nie tue. Sie hätten sie anfangs gar nicht vermisst. Sie dürfte einen vorbeischwebenden Heissluftballon verfolgt haben und sich verirrt…

So. Ich hoffe, du freust dich mit uns über den Ausgang der Geschichte, mit Nala und ihren „Hundeeltern“, mit Karin, Dieter, mit mir und David. Mit David, der als erster gehandelt hat.

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und wenn dir das jetzt zu rührselig ist und du noch nicht genug hast vom vielen Lesen, kriegst du noch eine Zugabe. Selbstgedichtetes von der Schreibwerkstatt, ein paar Schüttelreime und ein Limerick:

Kassandra
Meine Ahnung
war eine Mahnung.

Heimvorteil

In der Steiermark
ist der Meier stark.

Zierlich manierlich
Nur dann stepp ich,
wenn weg ist der Spanteppich.

Steigende Kerosinpreise
Dieser Tage geht eine Airline
nach der anderen leer ein.

Fernsehgewohnheiten
Die Elke, die kommt aus Emmersdorf
da schaut sie den ganzen Tag nur ORF.
Dabei gibt es auch Kabel,
das ist doch blamabel
dass die Elke bloss schaut ORF in Emmersdorf.

und eine Parodie auf „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen..“, die TierfreundInnen gefallen wird. Womit sich der Kreis irgendwie schließt…

Die Wahrheit vom Schweinsbraten
Die Wurst ist aufgehangen,
die kleinen Schweinderl sprangen
mit grossen Augen weit und starr,
das Kalb steht still und schweiget
und zu den Schlächtern steiget
der Viehzeug grosse Schar.

Na, vielleicht hat dir der Vers auch nicht gefallen. Schön makaber, wie er ist.
Und jetzt lass ich es mit dem Schreiben eine Weile gut sein.
Hinaus in den Garten, der Frühling wartet!

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