Focusing Konferenz in Wien
Juni 19th, 2026 von ulli
Vom 3. bis 7. Juni 2026 fand in Wien die internationale Focusing Konferenz statt. Ich bin dort gewesen und zwei Wochen danach noch sehr von dem Erlebten beeindruckt.
Rund 450 Teilnehmende aus 35 Ländern kamen zusammen, um zu Ehren von Focusing-Gründer Gene Gendlin eine Konferenz abzuhalten. Vor 100 Jahren in Wien in eine jüdische Familie geboren musste er als 12 jähriger mit seinen Eltern fliehen, wuchs in den USA auf, wo er Philosophie studierte, mit Carl Rogers zusammenarbeitete und seinen wegweisenden Focusing Ansatz entwickelte. Seiner Person wurde in diesen Tagen viel Aufmerksamkeit geschenkt (etwa mit diesem Filmchen). Dabei hiess es, wollte er sich niemals als Gallionsfigur präsentiert sehen… Was hätte er dazu gesagt, dass 9 Jahre nach seinem Tod eine derart bunte Community ein solch rauschendes Fest für ihn gibt?
Doch ging es nicht nur um Gendlins Person. Der prozessorientierte Focusing Ansatz, der das „Carrying forward“ in sich trägt, wurde und wird in enorm vielen Bereichen – von Psychotherapie über Organisationsentwicklung bis zu wissenschaftlichem Arbeiten – eingesetzt und weiterentwickelt. Neben dem Besuch grosser Panels konnte man jeweils vormittags und nachmittags aus bis zu 12 Workshops auswählen.
Dabei wurde viel Wert auf die Focusing Praxis gelegt, wo es verkürzt gesagt, um den Dialog von Körperspüren und Sprache geht, um die Interaktion zwischen Person und Situation, um genaues Zuhören und das Sein mit dem (noch) Ungewissen. Sich selbst und das Leben reflektieren und bewusster mit dem eigenen Erleben umzugehen, ist das Ziel, und das fern ab jeder Esoterik. Wir haben so viel mehr Weisheit in uns, als wir normalerweise nutzen!
Dementsprechend kamen hier auch besonders geübte Menschen zusammen. Ich war noch nie zuvor auf einer Veranstaltung, wo es derart leicht war, einen Blick und ein Lächeln aufzufangen und ins Gespräch zu kommen. In den Pausen, beim Mittagessen oder beim festlichen Gala Diner im Schlosshotel Schönbrunn, gab es nicht nur leichten Small Talk, sondern jederzeit Gelegenheit für tiefe, ernsthafte und inspirierende Gespräche. Das war mitunter ganz schön fordernd – aber es liess sich auch um das Thema „Sensory overload“ Verständnis und Leichtigkeit aufbauen. Sehr überzeugt hat mich der Umgang mit schwierigen Auseinandersetzungen unter einigen TeilnehmerInnen, die die Konferenz am dritten Tag wie eine Welle erfasste, erschütterte und doch bis zum Ende der fünf Tage konstruktiv aufgefangen wurde. Die kollektive Erfahrung und ungewohnte konstruktive Lösungsorientierung (u.a. mit Hilfe der „Playbackerei„) wird nun in alle Richtungen weitergetragen. Das wird nicht nur mir in Erinnerung bleiben.
Den Veranstaltungsort der Konferenz, das Europahaus im 14. Wiener Bezirk, kannte ich bisher nicht. Er war ideal gewählt. Nicht nur die AmerikanerInnen waren entzückt von diesem Tagungsort, wo man in einem riesigen Park mit alten Bäumen den ganzen Tag über zwischen modernem Tagungszentrum und historischem Schloss mit Orangerie von Workshop zu Workshop hin und her flanierte. Das Ambiente, das Essen und Service waren einfach perfekt und sorgten für viel Freude bei allen BesucherInnen.
Hier findest du auf der Seite des International Focusing Institute das Konferenzprogramm.
Hier kannst du ein paar Videos nachsehen, von der Eröffnung und zwei Podiumsdiskussionen. Besonders das Sensing Forward DACH Panel fand ich sehr spannend. Vielleicht nicht in allen Details, aber du kannst ja einen Blick drauf machen und selbst herausfinden, was dir gefällt.
Ich habe die letzten Jahre schon einige Beiträge über meine Geschichte mit Focusing auf diesem Blog geschrieben. Nun ist sie um ein grosses Kapitel reicher geworden.














