Die Versuchung der Gewissheit …
Ein nicht leicht zu lesendes, aber faszinierendes Buch:
„Der Baum der Erkenntnis“ von Francisco Varela und Humberto Maturana. Die zwei Biologen haben dieses bahnbrechende Werk in den 80er Jahren – mit Unterstützung des aus Österreich stammenden Kybernetikers Heinz von Förster (‚Ich will Verstehen verstehen“) – publiziert. Der als „radikal konstruktivistisch“ bezeichnete Ansatz ist revolutionär:
„Für die von Maturana und Varela vertretene Systembiologie gibt es keine ‚objektive‘ Wirklichkeit: Wenn Grunderfordernisse des Lebens erfüllt sind, haben lebende Systeme, – also auch der Mensch – alle Freiheit, sich ihre Welt selbst zu schaffen, anstatt nur auf Vorgegebenes zu reagieren. Das Subjekt ist somit entscheidend an der Schöpfung seiner nur scheinbar objektiven Wirklichkeit beteiligt.“
Wir erschaffen uns demnach unsere Realität selbst. „Erkennen ist Tun – Tun ist Erkennen“.
Ein paar Zitate aus dem Buch:
„In Wahrheit ist das Nichtwissen darum, wie sich unsere Erfahrungswelt aufbaut, die in der Tat das Naheliegendste unserer Existenz ist, ein Skandal. Es gibt viele Skandale auf der Welt, aber diese Unwissenheit ist eine der grössten.“ (S 29)
„Eine Erkenntnistheorie hat zu zeigen, wie das Erkennen die Erklärung des Erkennens erzeugt.“ (S 257)
„Leben ist ein Geschäft, das keine Aufzeichnungen über seine Ursprünge bewahrt.“ (S 260)
„Wir sehen nicht, was wir nicht sehen, und was wir nicht sehen, existiert nicht.“ (ebda)
„Tradition ist nicht nur eine Weise zu sehen und zu handeln, sondern auch eine Weise zu verbergen.“ (S 261)
„Erkennen hat nicht mit Objekten zu tun, denn Erkennen ist effektives Handeln, und indem wir erkennen, wie wir erkennen, bringen wir uns selbst hervor.“ (S 262)
„Die Erkenntnis der Erkennntnis verpflichtet. Sie verpflichtet uns zu einer Haltung ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewissheit.“ (S 263)
Woran ich mich noch inhaltlich erinnere: In unserer „Wirklichkeits(er)findung“ stimmen wir uns eng – u.a. durch Sprache – mit unseren Mitmenschen ab. Nichtsdestotrotz tragen wir jede und jeder eine eigene Konstruktion/Weltsicht in uns. Jedes „Nein“ zur Weltsicht eines anderen Menschen heisst, dessen – mit speziellen Erfahrungen verbundenes – Gewordensein zu negieren.
Das von den beiden Biologen entwickelte Konzept der Autopoiesis, das die Selbststeuerung von lebenden Systemen (Organismen) beschreibt, wurde später vom Deutschen Niklas Luhmann für seine einflussreiche soziologische Systemtheorie übernommen.
Der Schweizer Franz Reichle hat Leben und Werk des 2001 viel zu jung verstorbenen Francisco Varelas verfilmt. Ich habe die erste DVD „Monte Grande“ gesehen und viele wertvolle Stunden mit dem weiterführenden umfassenden Material verbracht. Sehr empfehlenswert.